Was war, was bleibt, was kommt: Angst essen IBM auf

Der Ausverkauf bei IBM geht weiter, sogar einer der traditionellen Standorte Deutschlands wird aufgegeben. Was bleibt von Big Blue?

IBM strauchelt: Nach dem Verkauf der PC- und Laptop-Sparte 2004 an Lenovo (für 1,75 Milliarden US-Dollar), musste Anfang 2014 das absatzschwache x86-Server-Geschäft dran glauben. Dieses ging ebenfalls an Lenovo, für 2,3 Milliarden US-Dollar. Das Jahr ist noch nicht zu Ende und IBM scheint – einer Panik nahe – nun alles loswerden zu wollen, was beschwert beziehungsweise was eine stete Abwärtskurve bei den Umsatzzahlen aufzeigt. 

Im Oktober 2014 nun trennt sich der Hersteller vom Halbleiter-Segment. Und um wirklich Negativtrends in den eigenen Büchern zu vermeiden, scheint IBM jedes Mittel recht: Denn das Unternehmen zahlt dem geneigten Käufer, Globalfoundries, nämlich 1,5 Milliarden Dollar für den Deal. Im Gegenzug soll IBM 200 Millionen Dollar an derzeit unbestimmten Werten erhalten. 

Das macht unterm Strich immer noch 1,3 Milliarden Dollar Miese. Für den deutschen Teil des Unternehmens kam gleich die nächste weniger erfreuliche Nachricht hinzu: Verträge für den Standort Mainz wurden laut SWR nicht verlängert und laufen 2016 aus. Angeblich gäbe es keine Entlassungen, die Mitarbeiter sollen dann ihre Arbeit aus Frankfurt aus verrichten. Das mag sein – gute Omen sehen aber anders aus. Big Blue, so scheint es, schiebt den „Big Blues“.

Die Saure-Gurken-Stimmung gibt es seit längerer Zeit auch in der Storage-Sparte des Unternehmens, obwohl IBM das Portfolio mit XIV und FlashSystem aufzupeppen versuchte. Nichtsdestotrotz, die Zahlen (Storage) sprechen eine deutliche Sprache: das dritte Quartal 2014 wies einen Verlust von sechs Prozent zum Vorjahreszeitraum auf, wobei keine Produktlinie als besser oder schlechter als andere herauskristallisiert wurde. 

Das lässt natürlich Spekulationen aufkommen, ob nicht auch die Storage-Truppe zum Verkauf steht. Immerhin zeigt das schnelle Abstoßen der Halbleiter, so kurz nach der Server-Sparte, dass die Angst vor weiteren Verlusten groß ist und IBM sich derzeit lieber Verlustabteilungen wie faulende Extremitäten vom Leib schneidet, um eine Abwärtsspirale zu verhindern. Angst essen IBM auf, aber was bleibt dann?

Was fehlt, ist eine neue Storage-Strategie und ebenso eine klare Neuausrichtung des gesamten Unternehmens.

Was fehlt, ist eine neue Storage-Strategie und ebenso eine klare Neuausrichtung des gesamten Unternehmens. Nicht jeder kann so traumwandlerisch mit einem riesigen Bauchladen an Produkten jonglieren und nach wie vor Kunden wie Aktionäre bei Laune halten wie EMC – und auch hier bröckelt der Putz. 

Aber IBM müsste drastische Schritte unternehmen, um sich in der Speicherabteilung so zu verschlanken und zu fokussieren, um wieder vorn dabei zu sein. Das bedürfte dann einer Therapie aus Abhacken und Anflicken, denn derzeit kann Big Blue eben nicht in allen Storage-Hype-Arealen mitspielen und hat zudem Produkte im Portfolio, die derzeit die Verkaufskurve nicht nach oben ziehen.

Es muss schon angsteinflößend sein, zu sehen, dass herkömmliche und sonst gut adressierte Märkte des IT-Giganten wegbrechen. Software-defined X hat quasi den herkömmlichen Hardware-Lösungen und Monolithen den Krieg erklärt und setzt sich rasant als Idee, Konzept und reale Lösung in den Rechenzentren durch. Da kann man mit Mainframes, DS-Systemen oder anderer dedizierter Hardware eben nicht mehr punkten. 

Hinzu kommen Cloud-, Objektspeicher- und Virtualisierungs-Trends, die es zu bedienen gilt. Converged und hyper-converged werden darüber hinaus zunehmend wichtiger. IBM versucht hier überall mitzumischen, muss sich aber oft der Krücke anderer Anbieter bedienen, was sie weniger agil und flexibel macht wie kleinere Anbieter bzw. Startups.

Im Cloud-Bereich bezeichnet das Unternehmen all seine Storage-Produkte als Cloud-ready und bedient sich hier des OpenStack. Einen alles übergreifenden Abstraktionslayer – wie ViPR bei EMC – gibt es nicht. Der SVC (SAN Volume Controller) kommt dem noch am nächsten, ist aber eher eine Lebensverlängerung für die bestehende, traditionelle Hardware. 

Im Objektspeicher verlässt sich IBM auf SoftLayer und knüpft auch hier über OpenStack an (REST API). Eine wirklich konvergente oder gar hyper-konvergente Lösung kann IBM derzeit nicht anbieten. Ein Copy Data Management fehlt, erste Ansätze führt IBM über actifio aus, hier fokussiert auf Disaster Recovery. 

Um auf die Schnelle in all den Hype-Märkten besser dabei sein zu können, müsste das Unternehmen Geld in die Hand nehmen und rundum entsprechende Firmen/Startups aufkaufen. Viel Geld. Hinzu käme die Notwendigkeit einer schnellen Integration, was wiederum ein Ausmisten im Speicherstall hieße und dazu würde sicher auch das Hinauskehren der ein oder anderen Hardware vonnöten sein.

Auf der anderen Seite ist IBM ein hervorragender Nischen-Player.

Auf der anderen Seite ist IBM ein hervorragender Nischen-Player. Mainframe- und Band-Lösungen behaupten sich bis heute, auch wenn hier natürlich keine überragenden Absatzzahlen zu erwarten sind. Darüber hinaus bringen Projekte wie Watson oder die Grundlagenforschungen im Nano-Bereich dem Unternehmen seit Jahrzehnten Aufmerksamkeit und auch den ein oder anderen Nobelpreis ein. Die Eigenentwicklung GPFS hat zu Recht einen festen Platz im Big Data/HPC-Umfeld. 

Die Investitionen in die Akquisitionen von XIV und Texas Memory Systems (FlashSystem) verhindern zumindest Schlimmeres bei den Storage-Umsatzzahlen. In ihrem Jahresbrief von 2013 macht Geschäftsführerin Virginia Rometty schon sehr deutlich, dass IBM das Potenzial von Cloud, anwendungsgetriebenen Geschäftsprozessen und Software bzw. Software as a Service (SaaS) sieht, eine klare Struktur hinsichtlich der Speicher-Sparte ist aber nicht wirklich ersichtlich. 

Da helfen auch Deals wie der mit Apple (Entwicklung von Enterprise-Apps und Anbindung von i-irgendwas in IBM-Umgebungen) nur bedingt, aber er markiert zumindest einen Schritt in die richtige Richtung. Ob nun im eigenen Storage-Feld investiert oder ob es abgestoßen wird, kann nur die Zukunft zeigen. 

Schaut man sich die aktuellen Handlungsweisen an, so kann das nur auf eine Abnabelung hindeuten – muss es aber nicht. Denn selbst wenn IBM seinen Speicher loswerden wollte, so müsste sich zunächst ein Käufer finden. Vorzugsweise einer, dem man nicht noch Geld hinterherwerfen muss, damit das Kaufobjekt attraktiver erscheint.

Im Zeitalter der IT-Agilität zahlt es sich nicht unbedingt aus „Big“ zu sein. Fokus, wenig Komplexität und schnell zu implementierende Lösungen (Software) gepaart mit schnell agierenden Services sind gefragt. Das macht das Leben schwer für die IBMs und EMCs, die bislang ihre Stellung als Platzhirsche behaupten konnten. 

IBM könnte sich der eigenen Stärken bewusst für weitere Ausverkäufe entscheiden (Gott bewahre, dass einer das Wort „Aufspaltung“ in den Mund nimmt). Ebenso könnte sich das Unternehmen extrem verschlanken und seinen Fokus auf Software, Services und Infrastruktur (RZ-Management) sowie die oben erwähnten Nischen und Patente setzen. So oder so, es ist immer noch BIG Blue, so darf man eigentlich auch Riesenschritte, sprich drastische Maßnahmen erwarten.

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Artikel wurde zuletzt im Oktober 2014 aktualisiert

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