HP: CEO Meg Whitman verliert weiteren Top-Manager vor dem Firmen-Split

Der Split ist noch nicht vollständig über die Bühne, da verlässt ein hochrangiger Manager das Unternehmen und verdeutlicht die fragile Lage bei HP.

Kurz vor dem offiziellen Split von HP in zwei selbständige Unternehmen, der im November diesen Jahres rechtlich und buchhalterisch abgesichert über die Bühne gehen soll, verlässt mit Bill Veghte eine der nach Meg Whitman wichtigsten Führungspersönlichkeiten das Unternehmen. Veghte, Executive Vice President der Enterprise Group (EG), war 2010 noch unter dem CEO Marc Hurd von Microsoft zu HP gekommen, um dort das Software-Geschäft aufzubauen. Er wird laut HP-Pressemeldung die Firma „noch im Laufe des Sommers“ verlassen.

Meg Whitman, die im Herbst 2011 das Ruder bei dem schlingernden Konzern übernahm – nach dem Debakel mit dem überteuerten Kauf von Autonomy und dem anschließendem Rausschmiss des HP-CEO und früheren SAP-Chefs Leo Apotheker – gab dem Harvard-Absolventen bald neue Führungsaufgaben, darunter Spitzenpositionen wie die des Chief Operating Officer (COO), des Chief Strategy Officer und schließlich die Leitung der Enterprise Group. Auf den großen Kundenveranstaltungen „HP Discover“ in Las Vegas trat Veghte regelmäßig mit ihr zusammen auf der Bühne auf – gemeinsam rechtfertigten sie die (nicht gerade HP-spezielle, sondern mittlerweile branchenübliche) Hinwendung zu Cloud, Software und Mobility.

Der plötzliche Abschied kommt auch deshalb etwas überraschend, weil Veghte im Management-Team zur Vorbereitung des Splits saß. Aus der HP-Pressemeldung vom 30. Juni 2015: „Seit Oktober 2014 hat Bill die Trennungsarbeiten für Hewlett Packard Enterprise geleitet und eng mit dem „Separation Management Office“ zusammen gearbeitet.“

Wie in solchen Fällen üblich, enthält die Pressemeldung kein einziges Wort darüber, aus welchen Gründen ein Whitman-Intimus und Macher der HP-Aufspaltung geht und sich nach einer neuen „Herausforderung umsieht“. „Meg“ und „Bill“ werfen sich öffentlich freundliche Worte hinterher, das war’s dann.

Mehr ist auch vielleicht gar nicht nötig, denn der HP-Split selbst hat es in sich. Viele große Konzerne – Cisco, EMC, IBM, Microsoft, Oracle oder SAP – kämpfen mit den echten und vermeintlichen großen Veränderungen der IT. An Schlagworten und Marketing-Propaganda fehlt es jedenfalls nicht: Software nur noch auf Pump, Server, Storage oder Netzwerke nur noch als virtualisierte und „Software-defined“ Lösungen, Public, Private oder Hybride Cloud-Dienstleistungen statt traditioneller On-premise-Rechenzentren – alles dies hat, selbst wenn es sich nur zum Teil durchsetzen wird, Auswirkungen auf die klassischen Absatzmodelle und -märkte. Auf jeden Fall befindet sich die IT-Industrie in einer Phase, in der gerade die bisherigen Marktführer intensiv mit sich selbst beschäftigt sind. Es werden ganze Geschäftszweige entweder ver- oder hinzugekauft, es wird umorganisiert, neue Märkte sollen erschlossen werden, und es werden immer neue Entlassungsrunden beim Personal in Gang gesetzt.

HP hat unter Meg Whitman letztes Jahr den Schluss gezogen, sich selbst noch schlanker zu machen, sich „auf das Wesentliche“ zu konzentrieren und gleich die ungeliebte Hälfte seines Unternehmens (PCs und Drucker) in die neue und zu 100 Prozent selbständige „HP Inc.“ abzustoßen. In seiner Radikalität erinnert diese Maßnahme an die deutsche Anarchisten-Parole aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts „Hau weg den Scheiß!“ – nur dass es sich gerade um traditionell lukrative Bereiche handelt, die selbst im bis Oktober 2015 laufenden Geschäftsjahr noch mit einem Umsatz von 57,3 Milliarden Dollar bilanziert werden. Zwar ist es bei PCs und Druckern zu Absatzproblemen gekommen, aber für die HP Inc., zu der „Personal Systems“ (60 Prozent) und „Printing“ (40 Prozent) gehören, wird immerhin ein nicht gerade kleiner Profit von 5,5 Milliarden Dollar errechnet. Aber Whitman und die anderen sind der Ansicht: Nur weg damit!

Whitman schlägt sich auf die Seite der vorgeblich lukrativeren Zukunft, für die sich auch Veghte bis vor kurzem eingesetzt hat: Sie selbst will Chefin der „Hewlett Packard Enterprise“ werden (Gesamtumsatz für 2014/15: 57,6 Milliarden Dollar), zu der diese Bereiche gehören: „Servers, Storage & Networking Gear“ (48 Prozent), „Professional Services“ (39 Prozent), „Software“ (7 Prozent) und „Financial Services“ (6 Prozent). Der für 2014/15 erwartete Profit für HP Enterprise ist fast gleich groß wie bei HP Inc.: 6,1 Milliarden Dollar.

Der Trennungsprozess, der sich ab November vier Monate lang auf die gesamte, noch einheitliche Organisation mit 600 Niederlassungen in 170 Ländern erstrecken soll, stellt für sich genommen bereits ein Risiko dar. Laut Wall Street Journal sind allein 2.600 interne Computerprogramme einschließlich Supply-Chain- und Human-Resource-Systemen betroffen, deren Daten und Aufgaben man auf die zwei neuen Gesellschaften aufteilen muss. Die Restrukturierungskosten für diese vier Monate sollen 1,8 Milliarden Dollar betragen.

Mitarbeiter und Kunden werden diesen Prozess mit größtem Interesse verfolgen. Ihnen wird zwar ein „sanfter Übergang“ versprochen, aber wird er auch eintreten? Schon 2014 wurden Zehntausende von Mitarbeitern bei HP entlassen, und von einer Beschäftigungsgarantie für die beiden neuen Gesellschaften ist nichts zu hören.

Und auf Kundenseite werden schon viele Exit-Strategien in Vorbereitung sein. Viele Kunden sind bereits generell angesichts der Vorgänge bei ihren Herstellern aufgescheucht. So hat zum Beispiel der Verkauf der x86-Sparte von IBM an Lenovo für breite Unruhe im Markt gesorgt – nicht jeder wollte nachvollziehen, dass man sich von der marktbeherrschenden Server-Technologie x86 getrennt hat. Und EMC sah sich auf seiner letzten Kundenveranstaltung EMC World in Las Vegas zu einer Bestandsgarantie für seine klassischen Storage-Arrays genötigt, nachdem tagelang nur von neuen Software-definierten und hyper-konvergenten Systemen die Rede gewesen war.

Whitman hatte ursprünglich den Plan ihres Vorgängers Apotheker, die PC-Sparte abzutrennen, für falsch erklärt. Offenbar sah sie sich angesichts der permanenten Wachstumskrise in ihrem Hause so unter Druck, irgendetwas machen zu müssen, dass sie sich schließlich zu einer erweiterten Fassung des Apotheker-Plans entschied. Es musste einfach etwas passieren. Sogar ein Riesen-Merger mit EMC – also das absolute Gegenmodell zu einem Split – stand letztes Jahr auf ihrer Agenda, stieß aber bei den EMC-Managern auf wenig Gegenliebe.

Vor Veghte haben übrigens zwei weitere Top-Manager der Enterprise Group das Unternehmen verlassen. David Donatelli, von Whitman schon vor Jahren entmachtet, wechselte im März zu Oracle, und David Scott, der frühere CEO von 3PAR sowie spätere Speicher-Chef bei HP, zog sich im Frühjahr in den Pensionärsstatus zurück. Mit dem Verkauf von 3PAR an HP im Jahr 2010 war er durch seine Aktienoptionen zum Multimillionär aufgestiegen. In der neuen HP Enterprise sah er offenbar keine Zukunft für sich.

Bill Veghte nimmt angesichts des geplanten Splits ein beträchtliches internes Wissen mit, nicht nur über die alte, sondern auch über die beiden neuen HPs. IBM soll schon bei ihm angeklopft haben, und an weiteren Interessenten dürfte es nicht mangeln. Schließlich wird nicht jeden Tag ein riesiger Konzern der IT-Branche zerschlagen.

 

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