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Ruhe nach dem Sturm: Die britische IT-Community nach der Brexit-Wahl

Wie reagiert die IT-Industrie in Großbritannien auf den Brexit? ComputerWeekly berichtet von einer Mischung aus Panik und Pragmatismus.

Wie hat die britische IT-Industrie die ersten paar Tage nach der Brexit-Ankündigung überstanden und auf das Ergebnis der Wahl reagiert? Deutschen Kommentatoren fehlt hier oft der lokale Einblick. Unsere englische Schwesterpublikation ComputerWeekly hat die Ansichten und die Vorhersagen von IT-Experten zusammengefasst. Die Reaktionen fallen unterschiedlich aus.

Auf den Mehrheitsbeschluss, im Referendum vom 23. Juni 2016 aus der EU auszutreten, haben die IT-Community, Anwender und Anbieter im Vereinigten Königreich alarmiert reagiert, aber untermauert wird das alles auch von einem Gefühl der Gelassenheit.

Julian David, CEO des IT-Handelsverbands techUK: „Die britische Bevölkerung hat beschlossen, die EU zu verlassen. Das ist nicht das Resultat, das sich die Mehrheit der techUK-Mitglieder erhofft hatte. Für die Zukunft bedeutet das jetzt viel Verunsicherung.“

Andererseits ist David davon überzeugt, dass der britische Technologiesektor eine große Rolle dabei spielen wird, dem Vereinigten Königreich dabei zu helfen, sich auf eine erfolgreiche Zukunft außerhalb der EU vorzubereiten.

Doch er warnte: „Ohne die Vorteile der EU-Mitgliedschaft müssen wir uns ins Zeug legen und unser Bestes geben, um Erfolg zu haben.“

Das Unternehmen BSC Chartered Institute of IT kommentierte: „Dies ist der Anfang eines langen Prozesses. Für BCS stellt es den Anfang eines Dialoges mit unserer Gesellschaft dar, um zu versuchen, eine gemeinsame Vorstellung für die digitale Zukunft dieses Landes  außerhalb der EU zu entwickeln.“

Paul Fletcher, CEO von BCS, fügte hinzu: „Als Charterunternehmen ist es für uns wichtig, die Führungsrolle zu übernehmen und den Dialog zu fördern und uns zu fragen, wie wir das Beste aus dieser Situation machen können. Unsere Mitglieder haben gemeinsam die wichtige Aufgabe, dafür zu sorgen, dass das Vereinigte Königreich im digitalen Bereich erfolgreich ist.“

Laut David Evans, Director of Policy and Community bei BCS, wird das Unternehmen mit dem Department for Business (Wirtschaftsministerium) und dem Department for Culture, Media und Sport das Gespräch suchen. An erster Stelle möchte er wissen „was getan werden muss und wie wir dabei helfen können.“

„Wir arbeiten bereits an mehreren Projekten, die die Schwerpunkte für diese Verhandlungen ausmachen werden – zum Beispiel die Vorschriften zum Schutz personenbezogener Daten“, sagte Evans.

Er glaubt, das Vereinigte Königreich müsse eine Führungsnation in Sachen digitaler Innovation sein. Die britischen Staatsbürger sollen dabei eine zentrale Rolle spielen. Man müsse zudem weiterhin sehr offen für den internationalen Handel sein. „Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Beziehung mit der EU richtig funktioniert, vor allem was Personendaten und Zugang zu den Märkten betrifft.“

Ben Booth, der UK Representative von EuroCIO, sagt: „Wir werden zwangsläufig von den Entscheidungen in Europa betroffen sein, vor allem was Standards betrifft. Deshalb ist es wichtig, auch wenn wir aus der EU treten, ein Mitspracherecht dabei zu haben, wenn es um das Festlegen dieser Standards geht.“

Booth glaubt, dass EuroCIO jetzt in Europa die Rolle einer großen Lobbygruppe spielen wird, die sich für die Nutzergemeinde einsetzt. Zuvor arbeitete Booth bei mehreren europäischen Unternehmen als Interim CIO. Er glaubt, dass manche dieser Unternehmen jetzt wohl große IT-Initiativen wegen den Marktschwankungen als Folge des EU-Austritts aufs Eis legen werden.

Sicherheitsbedenken

Die Brexit-Wahl hat in der Information-Security-Community für Bedenken gesorgt, jedoch gibt ihnen die zweijährige Übergangsphase die Chance, sich anzupassen. Laut einer Umfrage, die vor dem Referendum stattfand, haben mehr als ein Drittel der Informationssicherheitsfachkräfte Angst davor, dass der Austritt aus der EU das Vereinigte Königreich anfälliger für Cyberangriffe machen wird.

Einer Umfrage der Security-Firma Alien Vault zufolge sind die Fachkräfte darüber besorgt, dass sie nicht mehr vom Intelligenzaustausch mit anderen EU-Ländern profitieren werden.

Die Umfrage, die etwa 300 Fachkräfte auf der Infosecurity Europe 2016 Anfang Juni in London befragte, ergab auch, dass mehr als ein Fünftel die EU-Gesetze zum Thema Datenschutz vorteilhaft finden.

Trotz der Zweifel fordert der Information Security Certification Body (ISC)2 dazu auf, Ruhe zu bewahren. Die Organisation sagt, es gäbe für den Berufsstand Zeit, sich anzupassen und so die Folgen der Brexit-Wahl zu mildern.

Adrian Davis, European Managing Director bei (ISC)2 meint, dass die Informationssicherheit von internationaler Bedeutung ist und bereits ein Level der Kooperation angeregt hat, welches über nationale und politische Grenzen hinausgeht. Es gäbe deshalb keinen Grund zur Annahme, dass mit der Kooperation jetzt Schluss sei oder durch die Brexit-Wahl überhaupt auf signifikanter Weise ins Stocken kommen würde.

„Die UK-Fachleute haben mindestens zwei Jahre Zeit, um die praktischen Auswirkungen auf ihr Arbeitsleben zu begreifen”, sagt Davis. „Mit großer Wahrscheinlichkeit wird sich vieles von dem, was jetzt vorhergesehen wird, nicht eintreffen beziehungsweise es wird sich nicht viel ändern.“

UK wird weiterhin GDPR-Richtlinien befolgen

Laut Davis wird das Vereinigte Königreich immer noch die Gesetze der GDPR (General Data Protection Regulation) befolgen, da UK-Unternehmen weiterhin Daten von EU-Bürgern verarbeiten.

Peter Galdies, Development Director bei der Firma DQM GRC, meint: „Nachdem Artikel 50 in Kraft tritt, gibt es eine obligatorische zweijährige Mindestfrist, in der wir weiterhin EU-Mitglieder sind, während wir unseren Ausstieg verhandeln.“

Während dieser Phase würden alle bestehenden Gesetze – einschließlich GDPR – weiterhin bestehen bleiben. Viele prognostizieren dabei, dass der Prozess noch viel länger dauern wird – geschätzt wird auf drei bis sechs Jahre, meint Galdies.

Die vielen Firmen, die bereits personenbezogene Daten von EU/EEA-Staatsbürgern verwalten, werden dies weiterhin nach den GDPR-Vorschriften tun – andernfalls riskieren sie Geldstrafen, so Galdies.

Für ihn sei es sehr wahrscheinlich, dass eine starke, neue Kommission – die nachgewiesene Erfahrung darin hat, Verbraucherrechte zu unterstützen und durchzusetzen – Gesetze ganz nach dem GDPR-Modell erlassen wird.

„Obwohl uns ein paar Jahre der Unsicherheit bevorstehen, ist es wahrscheinlich, dass Datenschutz weiterhin hoch oben auf der Prioritätenliste stehen und es weiterhin den Druck auf Organisationen geben wird, das Vertrauen der Verbraucher zu gewinnen beziehungsweise zu bewahren“, fügte er hinzu.

Unternehmer sind unerschrocken

Im Startup-Bereich ist die Stimmung zuversichtlich, vor allem in London, wo hauptsächlich gegen den Brexit gestimmt wurde.

Russ Shaw, Gründer der Firma Tech London Advocates, sagt, dass das Wahlergebnis nicht mit dem übereinstimmt, was der Londoner Technologiesektor sich erhofft hatte. „Wir werden uns aber weiterhin darum bemühen, die Londoner Tech-Szene auszubauen und London als führenden Technologiestandort zu etablieren.“

„Nach diesem Wahlergebnis wird der Technologiesektor in London weiterhin talentierte Fachkräfte aus Londen, der UK, der Europäischen Union und von überall auf der Welt willkommen heißen.“

UK-Science nach dem Brexit

Nicola Blackwood, Parlamentsmitglied für die Gebiete Oxford West und Abingdon und Vorsitzende der Commons Science and Technology Committee, erklärt: „Es ist wichtig, dass die Regierung jetzt schnell handelt, sie muss unsere britischen Wissenschaftler und deren Kooperationspartner in der EU versichern, dass das Vereinigte Königreich weiterhin verkaufsoffen und ein bereitwilliger und verlässlicher Handelspartner ist.“

„Sollte die EU-Forschungsförderung nach den Ausstiegsverhandlungen beeinträchtigt werden, wird das Finanzministerium Ihrer Majestät (Her Majesty’s Treasury) Ressourcen, die zuvor an die EU gingen, neu zuteilen müssen“, fügt sie hinzu.

Die Sichtweise des schottischen Tech-Sektors

Zusammen mit Nordirland, London, Manchester und Liverpool wählte Schottland mehrheitlich dafür, Teil der EU zu bleiben.

Jim Duffy ist CEO des Unternehmens Enterprise Spark in Glasgow. Er glaubt, echte Entrepreneure streben immer neue Möglichkeiten an – und mit dieser Veränderung wird es genau diese Möglichkeiten geben. Er sagt: „In unserer globalen Wirtschaft treiben UK-Firmen in der ganzen Welt Handel, nicht nur in Europa. Auf langer Sicht ist es unwahrscheinlich, dass der Austritt aus der EU diese Handelsmöglichkeiten verringern wird.“

Er meint auch, dass Unternehmer jetzt einfach weitermachen werden wie bisher. Wichtig sei es, sich auf Planung zu konzentrieren, um die Turbulenzen in den kommenden Tagen und Wochen zu umgehen. Gleichzeitig solle man größere Chancen nutzen, die in den nächsten Monaten und Jahren entstehen werden.

„Das Resultat öffnet Chancen für die SNP (Scottish National Party), die Rolle Schottlands im Vereinigten Königreich nochmals zu überdenken und bei der Möglichkeit eines künftiges Unabhängigkeitsreferendums unternehmerisch vorzugehen“, sagt Duffy. „Wenn man daran denkt, wohin das alles führen könnte, wird einem schwindelig – jetzt, da es in Nordirland Rufe nach einem Vereinigtem Irland gibt und der britische Prime Minister seinen Abgang beschleunigt. Von der Unternehmersicht aus eröffnen sich jedoch Möglichkeiten; es gibt für Stakeholder einen Spielraum – die Möglichkeit, die Initiative zu ergreifen.“

Brexit bringt Outsourcing durcheinander

Kerry Hallard, CEO der National Outsourcing Association (NOA) sagte zum Thema Brexit: „Das ist definitiv nicht das Resultat, das unsere Mitglieder wollten. Das gilt für die ganze britische Outsourcing-Industrie im Allgemeinen. Das wurde eindeutig im März 2016 bestätigt, als wir die UK-Outsourcing-Industrie danach befragten; und dies wurde vor einigen Tagen wieder bestätigt, als wir bei unserer NOA Symposium Conference mehr als 200 Industrievertreter nach ihrer Meinung bezüglich des EU-Austritts befragten.“

Trotzdem, so Hallard, haben die Briten beschlossen, auszutreten und es sei jetzt entscheidend, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um die Marktstabilität wieder herzustellen beziehungsweise aufrechtzuerhalten. David Cameron müsse die britischen Unternehmen während seiner letzten paar Monate als Prime Minister beschützen.

Die höchste Priorität müsse für die britische Regierung sein, dafür zu sorgen, dass die Rechte der EU-Bürger geschützt sind, die im Vereinigten Königreich leben und arbeiten, so Hallard.

„Die wertvollen Fähigkeiten, die die EU-Fachkräfte unserem Land beisteuern, sind ein großer Bestandteil der Stärke unserer Firmen und der Wirtschaft. Wir würden sie sehr vermissen, wenn diese Personen das Land verlassen würden“, sagt sie.

Auswirkungen auf das Data Center

Von der Data-Center-Perspektive betrachtet, werden UK-Firmen EU-Datengesetze in Erwägung ziehen müssen, wenn sie entscheiden, wo sie die Daten von EU-Bürgern unterbringen möchten.

Laut der Anwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer ist einer der wichtigsten Fragen, ob das Vereinigte Königreich von der Europäischen Kommission als „sicherer Drittstaat“ eingestuft werden kann – dies wäre für die Übermittlung personenbezogener EU-Daten erforderlich.

Ist dies nicht der Fall, müssten dann die UK-Firmen, die mit EU-Ländern Geschäfte machen, ihre Strategie zur Einhaltung der Datenschutzbestimmungen überdenken, so die Kanzlei.

Früher haben sich Data-Center- und Cloud-Services in europäischen Städten wie Dublin etabliert, um im europäischen Markt Fuß zu fassen. Laut Jon Leppard, Director der Firma Future Facilities, handelt es sich bei der Data-Center-Industrie hauptsächlich um Betriebe mit physischen Niederlassungen. „Die Industrie hat bei ihren Entscheidungsprozessen eher eine langfristige Vision. Deswegen ist es wahrscheinlich, dass sie jetzt mit einer größeren Vorsicht vorgeht und abwartet, was für Folgen der Brexit mit sich bringen wird“, kommentiert er.

Er glaubt, dass dies vermehrt zu Colocation-und Solo-Projekten führen wird und weniger neue Einrichtungen gebaut werden, bis die Zukunftsaussichten klarer sind.

„Nichtsdestotrotz geht der generelle Trend sowieso in Richtung Colocation  – Brexit ist vielleicht nur ein Beschleuniger zur Umsetzung dieses Modells. Im Moment sehen manche Leute diese Situation als eine gute Gelegenheit, andere sehen sie als Risiko. Wir brauchen einfach noch ein bisschen mehr Zeit, um zu sehen, wer Recht behält.“

Momentan gibt es eine Vielzahl von Cloud-Betreibern, die aktiv UK-Data-Center etablieren, zu diesen gehören zum Beispiel AWS, Microsoft, Oracle und Salesforce. Bei Box, das in einem Equinix-Data-Center läuft, wird vermutet, dass es von einem UK-Standort betrieben wird. Andere Firmen wie Dropbox haben öffentlich bekanntgegeben, dass sie europäische Rechenzentren eröffnen möchten. Jedoch hat Dropbox noch kein Zeitplan für ein UK-Data Center erwähnt.

Aus der US- beziehungsweise Silicon-Valley-Sicht sagte Matt Pfeil, Gründer der NoSQL-Database-Firma DataStax bei einem London-Besuch kurz vor dem Brexit: „Dass London das ‘Zentrum’ Europas ist, hat uns nicht hierhergezogen, vielmehr, weil uns Kunden hierhergezogen haben. Für mich wäre es aber bedenklich, wenn Firmen von hier weggehen würden.“

Turing und Berners-Lee

Tudor Aw, Head of Technology bei KPMG UK, reagierte auf die Brexit-Entscheidung optimistisch und berief sich auf die Tech-Schöpfergeister Alan Turing und Tim Berners-Lee: „Meiner Meinung nach bleiben die Eigenschaften, die den UK-Technologiesektor so attraktiv machen, weiterhin bestehen. Dazu gehört, dass dem Land so ein Talent zur Verfügung steht, und eine Kreativität, die sich bewährt hat – da haben wir zum Beispiel den ersten funktionierenden Rechner von Alan Turing und Berners-Lees World Wide Web.“

Aw glaubt, dass Technologie ein Gebiet ist, das künftig nur noch mehr an Bedeutung gewinnen wird und ohne Landesgrenzen funktioniert. „Deshalb glaube ich, dass der UK-Technologiesektor nicht nur die bevorstehenden Herausforderungen überstehen wird, sondern auch weiterhin wachsen und gedeihen wird.“

Hinweis der Redaktion: Weitere Analysen zum Thema Brexit finden Sie auf der ComputerWeekly-Website in diesem englischen Essential Guide: Brexit and the UK technology sector - read our analysis of the implications

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