10.06.2010 | Redakteur: Andreas Donner
Dass die IPv4-Adressen knapp werden, ist für Benedikt Stockebrand kein Grund, panisch auf IPv6 umzusteigen oder sich intensiv damit zu beschäftigen. Doch mit Windows Vista und Windows 7 zieht das neue Internet-Protokoll bereits jetzt in Unternehmensnetze ein und kann bei fehlendem Know-how zum Sicherheitsrisiko werden. Im SearchNetworking-Interview sagt Stockebrand, was zu tun ist.
Im April bringt der anerkannte IPv6-Guru Benedikt Stockebrand interessierten SearchNetworking-Lesern in einem eintägigen Intensiv-Seminar das wichtigste Grundwissen rund um das Thema IPv6 bei. Im SearchNetworking-Interview gibt der Fachmann bereits heute Auskunft über so wichtige Fragen wie:
Stockebrand: Das Hauptproblem ist, dass IPv6 standardmäßig eingeschaltet ist und damit auch dann funktioniert, wenn das nicht beabsichtigt ist. Damit besteht die Möglichkeit, dass sich Rechner im Unternehmensnetz unbemerkt per IPv6 „unterhalten“ und beispielsweise ein Mitarbeiter aus der Produktion Zugriff auf die Daten der Buchhaltung oder Personalabteilung bekommt.
Wenn Windows Vista oder 7 beim Starten keine native IPv6-Anbindung findet, versucht es als nächstes, ISATAP- oder Teredo-Tunnel aufzubauen, mit denen IPv6 über IPv4 transportiert wird. Insbesondere bei mobilen Mitarbeitern, deren Geräte nicht durch eine Firewall abgeschirmt sind, besteht damit das Risiko, dass Windows einen IPv6-Tunnel ins Internet aufbaut. Damit kann ein mobiler Rechner in dem Moment, wo auch noch eine VPN-Verbindung ins Firmennetz aufgebaut ist, zu einem Einfallstor in die Firma werden.
Stockebrand: Zuerst sollte man sicherstellen, dass die System- und Netzwerkadministratoren genug über IPv6 wissen, um sich über diese Probleme bewusst zu sein. Dann sollte man darauf achten, dass eventuelle Firewalls IPv6 zuverlässig sperren. Vor allem bei mobilen Geräten sollte man IPv6 gezielt ausschalten und außerdem darauf achten, dass eventuell eingesetzte VPN-Software und/oder Host-basierte Firewalls IPv6 sperren.
Stockebrand: Da greifen eine ganze Reihe technischer, wirtschaftlicher, psychologischer und soziologischer Einzelphänomenen ineinander. Um nur einige zu nennen: Das Problem der Adressknappheit, das ursprünglich zur Entwicklung von IPv6 geführt hat, ist seit zwanzig Jahren relevant. Wir haben uns in dieser Zeit aber so sehr an zunehmend kontraproduktive Workarounds gewöhnt, dass wir das ursächliche Problem in seiner Relevanz meistens nicht mehr wahrnehmen.
Zur Verdeutlichung: Das Internet ist ursprünglich als hochzuverlässiges Netzwerk für den Krisen- bzw. Kriegsfall entwickelt worden. Trotzdem ist seine Zuverlässigkeit heute deutlich schlechter als beim klassischen Telefonnetz. Dazu kommt, dass es für IPv6 als solches keinen „Business Case“ oder „Mehrwehrt“ gibt. Es ist langfristig unvermeidbar, hat aber keine kurzfristigen Vorteile für die nächsten Quartalszahlen.
Weiter ist die IT eine Branche mit sehr engen Verflechtungen und Abhängigkeiten der unterschiedlichsten Bereiche. Ein besonders einfaches und offensichtliches Beispiel: Die Router-Hersteller warten darauf, dass die Internet Service Provider (ISPs) IPv6 anbieten, um dann IPv6-fähige Router zu entwickeln, während die ISPs darauf warten, von den Router-Herstellern IPv6-fähige Geräte zu bekommen.
Zu guter letzt kann man eine Technologie nur einsetzen, wenn das notwendige Know-how vorhanden ist. Gerade in einem Bereich wie der IT, in der fähige Mitarbeiter Mangelware sind, ist es ein langwieriger Prozess, das notwendige Wissen und Können in einer breiten Basis zu etablieren.
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